Bewerbungsschreiben an die Unterbezirke und Kreisverbände der SPD

An die Vorsitzenden der
SPD-Unterbezirke und -Kreisverbände
in Nordrhein-Westfalen

Düsseldorf, den 1. Oktober 2020

 

 

 

Liebe Genossinnen und Genossen,

heute habe ich erklärt, dass ich auf dem Parteitag der NRWSPD im November für das Amt des Landesvorsitzenden kandidieren werde. Mir liegt es am Herzen, unsere Parteibasis früh und transparent einzubinden und meine persönlichen Beweggründe für diese Entscheidung darzulegen. Deshalb schreibe ich Dich heute als Vorsitzende/ Vorsitzender Deines SPD-Unterbezirks bzw. -Kreisverbands an. Ich würde mich freuen, wenn Du dieses Schreiben bei Euch vor Ort weiterleiten würdest. Wenn Ihr Fragen habt, persönlich mit mir über die Zukunft unserer Partei diskutieren möchtet oder Anregungen habt, dann fühlt Euch herzlich eingeladen, Euch bei mir zu melden.

Normalerweise spreche ich nicht über meine Herkunft oder meine Familie. Privates ist mir heilig. Aber heute will ich eine Ausnahme machen. Denn heute will ich Euch erläutern, warum ich Politik mache:

Ich bin in einer Sozialwohnung in Essen aufgewachsen. Mein Vater war Eisenbahner und meine Mutter Hausfrau. Abitur hatte in der Familie niemand. Doch meine Eltern hatten ein Ziel: Ihrem einzigen Sohn sollte es besser gehen! Und so boten sie mir die Möglichkeit, Abitur zu machen und sogar zu studieren. Ich hatte also Möglichkeiten, die meine Eltern nie hatten. Meine Großeltern konnten das Schulgeld nicht bezahlen.

Seit ich denken kann, habe ich das als ungerecht empfunden! Daher war es für mich nur konsequent, als Kind der Brandt-Ära in die SPD einzutreten und mich für Gerechtigkeit einzusetzen. Beruflich und privat. Und eine Zeit lang schien es auch so, als ob der soziale Aufstieg wirklich für jede und jeden möglich wäre. Doch dieser Schein hat getrügt! Heute wissen wir, dass die Aufstiegschancen für Kinder aus nicht-akademischen Familien geringer sind als zur Kaiserzeit.

Heute kann ich anhand der Postleitzahl eines Kindes mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welchen Bildungsabschluss dieses Kind machen wird.

Die Corona-Pandemie beschleunigt diese Entwicklung noch weiter. Kinder ohne Computer haben keine Chance, auf Distanz zu lernen. Während der Lernerfolg der wohlbehüteten Kinder durch Corona kaum beeinträchtigt wurde, wurden die benachteiligten Kinder zurückgelassen.

So darf es nicht weitergehen:

Solange die Herkunft die Chancen eines Kindes mehr bestimmt als Fleiß und Talent, wird die SPD gebraucht. Heute mehr denn je!

Deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass wir unsere ganze Kraft auf unsere Zukunft konzentrieren müssen:

Unsere Kinder!

Wir müssen ihren Eltern Chancen geben, ihnen Chancen zu geben. Und wir müssen ihnen die Welt so hinterlassen, dass man darauf noch leben kann. Denn welche Zukunft sollen unsere Kinder auf einem kaputten Planeten haben? Dafür müssen aber wir als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten kämpfen, dass insbesondere die Energiewende nicht zur Trennscheibe zwischen arm und reich wird. Strom darf kein Luxus sein. Mobilität darf kein Luxus sein. Das muss allen Menschen zur Verfügung stehen.

Und der Staat muss auch wieder seiner sozialen Schutzfunktion gerecht werden. Armut und Ausbeutung sind keine Krankheiten. Es sind von Menschen gemachte Missstände! Und deswegen müssen Menschen sie beseitigen. Und zwar mit Gesetzen mit sozialdemokratischer Handschrift.

Aber außer uns will das doch keiner tun.

Viele Menschen fühlen sich so abgehängt, dass sie keinen Sinn darin sehen, zur Wahl zu gehen. Da müssen bei uns alle Alarmglocken schrillen! Die Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl hat das fast flächendeckend bewiesen: Die Postleitzahl bestimmt auch über die Wahlbeteiligung. Dabei machen wir gerade für diese Menschen Politik. Doch wir erreichen sie damit nicht mehr.

Das muss sich ändern! Dafür will ich mit Euch gemeinsam streiten.

Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, auf dem Landesparteitag am 14. November für den Vorsitz unserer SPD zu kandidieren. Ich will der Partei ein Angebot machen, damit Partei und Fraktion geschlossen für unsere Ziele eintreten.

Ich will einer ganzen Generation von Kindern eine Zukunft geben. Und zwar mindestens eine solche, wie meine Eltern sie mir geboten haben.

Und mit Euch gemeinsam haben wir eine echte Chance, aus diesem Land wieder ein Land mit Zukunft zu machen. Für unsere Kinder. Und für unsere SPD!

Die neue Chance – für die will ich mich einsetzen.

Meine Frau Christina und meine drei Kinder unterstützen mich. Ohne sie würde ich diesen Schritt nicht gehen. Aber ohne Euch will ich diesen Schritt auch nicht gehen. Ich bitte Euch deshalb herzlich um Eure Unterstützung.

Gemeinsam können wir es schaffen! Unsere Kinder haben es verdient!

Herzliche Grüße

Euer Thomas Kutschaty

20201001 – Schreiben Kandidatur UB KV